Die Jungs vom Leuchtturm

Leseprobe

Band 2: Mannomänner

Mannomänner

Prolog

 

     »Ich … möchte … nach … Hause.« Erica betonte jedes einzelne Wort, denn alles andere schien ihre Mutter einfach nicht begreifen zu wollen.

     »Wie oft muss ich es dir noch sagen, Erica? Das hier ist jetzt dein Zuhause«, entgegnete Genevieve, nachdem die Haushälterin den Frühstückssalon verlassen hatte.

     Erica sah sich im Raum um: ein im altenglischen Stil eingerichtetes Esszimmer mit schweren Samttapeten an den Wänden, in einem riesigen, zugigen Herrenhaus. »Das ist nicht mein Zuhause«, sagte sie verächtlich. »Das hier ist ein viel zu großer Kasten, der vermutlich ein Vermögen an Monatsmiete kostet!«

     Ihre Mutter musterte sie eisig. »Dieser ›Kasten‹ ist kein gemietetes Haus, sondern der Landsitz deiner und meiner Vorfahren.«

     »Das gehört alles dir?«, fragte Erica ungläubig und zeigte auf die umliegende Hügellandschaft auf der anderen Seite der Terrassentüren.

     Genevieve folgte ihrem Blick. »Nun ja, genau genommen deinem Großvater. Noch. Aber ich werde das Anwesen in nicht allzu ferner Zukunft erben. Und eines Tages könnte es dir gehören.«

     Erica schnaubte. »Nein, danke. Aber wenn mein Großvater noch lebt, wo ist er dann? Ich habe hier seit meiner Ankunft außer dir und deinen Angestellten noch niemanden gesehen.«

     »Dein Großvater wohnt in einer Seniorenresidenz«, antwortete ihre Mutter knapp.

     »Kann ich ihn besuchen?«, fragte Erica sofort. »Ich würde ihn gern kennenlernen. Und was ist mit meiner Großmutter?«

     »Nein, ein Besuch kommt nicht infrage, da er oft verwirrt ist. Mit seiner Gesundheit steht es auch nicht zum Besten. Ein derartiger Überfall würde ihn nur aufregen und aus seiner Routine reißen. Und meine Mutter lebt schon lange nicht mehr.«

     Bestürzt sah Erica sie an. »Das tut mir leid. Ich wollte nicht … Was ist damals denn passiert?«

     »Jetzt ist nicht der richtige Moment für so ein Gespräch«, wimmelte Genevieve sie ab. »Vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt.«

     Erica betrachtete sie. Das machte sie jedes Mal! Sobald das Gespräch auch nur in die Nähe ihrer Vergangenheit kam und sie sich nach persönlichen Dingen erkundigte, gab ihre Mutter bloß noch vage Antworten. Genau wie bei der Frage nach der Heimkehr zur Isle of Man. Aber sie wollte sich nicht länger abspeisen lassen.

     »Was ist?«, fragte ihre Mutter jetzt. »Warum siehst du mich so an?«

     »Ich frage mich, ob du dich schon immer so abgeschottet hast. Und warum du niemanden an dich heranlässt … und anderen nicht zuhörst«, erwiderte Erica.

     »Wieso? Ich höre dir doch zu.«

     »Nein, tust du nicht. Ich weiß nicht, wie oft ich es schon gesagt habe: Ich möchte nach Hause, zu Granny Rose.« Und zu Erik! Erica schob ihren Teller von sich. Obwohl Bettie die Eier perfekt pochiert hatte, war ihr der Appetit vergangen.

     »Ach, vergiss doch die dumme Insel! Dir steht die ganze Welt offen.« Genevieve trank einen Schluck Kaffee.

     »Und genau das meine ich: Du hörst nicht zu!« Erica sprang auf. Ein heftiger Stich in der Seite erinnerte sie zwar daran, dass die Wunde noch immer nicht vollkommen verheilt war, aber das spielte jetzt keine Rolle.

     »Setz dich wieder hin!«, donnerte ihre Mutter.

     Doch Erica schüttelte den Kopf. Sie war fast siebzehn und ließ sich nicht mehr wie eine Fünfjährige herumkommandieren. Ihre Mutter hatte offenbar verdrängt, wie viel Zeit vergangen war, seit sie sie einfach bei ihrer Großmutter abgegeben hatte und dann verschwunden war. »Nein. Ich geh jetzt nach oben und packe meine Sachen«, entgegnete sie entschlossen.

Pippa McKenzie

Die Jungs vom Leuchtturm 2: Mannomänner