Die Jungs vom Leuchtturm

Leseprobe

Band 3: Manxies

Manxies

Prolog

 

»Australien?«, stieß Erik hervor. Mehr brachte er im Moment nicht heraus, obwohl er jede Menge dazu zu sagen hatte. Er wusste nur nicht, wie er das richtig formulieren sollte.

     »Warum ausgerechnet auf die andere Seite der Erdkugel?«, hakte Henrik nach, die Scheibe Toast noch immer in der Hand. Auch Fredrik und Cedrik schauten gespannt in Maritas Richtung.

     Doch bevor ihre Mutter antworten konnte, mischte Haakon sich ein: »Man hat mir eine Stelle auf einem Forschungsschiff angeboten, das hauptsächlich im Südpazifik fährt. Und dieser Job würde mich wirklich reizen … nach all den Jahren in kalten Gewässern. Deshalb dachten wir, es wäre das Beste, wenn wir als Familie nach Australien übersiedeln. Damit ihr wenigstens einigermaßen in meiner Nähe seid. Denn sonst würde ich euch ja überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

     Marita nickte und hob zu einer ausführlichen Erläuterung an, wann und wie das Ganze vonstattengehen sollte.

     Aber Erik hörte ihr gar nicht zu. Ihre Worte rauschten an ihm vorbei. Für ihn war nur eine einzige Info wichtig: Er sollte die Insel verlassen … er sollte Erica verlassen, um bei seiner Familie bleiben zu können … Plötzlich erfasste ihn ein Schwindelgefühl, und er griff sich an den Kragen seines T-Shirts.

     »Und, was sagt ihr dazu?«, fragte Marita in diesem Moment und schaute erwartungsvoll in die Runde, bis ihr Blick am Ältesten der Vierlinge hängen blieb. »Henrik, fang an.«

     Aber Henrik schwieg; er schien ebenfalls nach Worten zu suchen.

     Erik holte tief Luft und richtete sich auf. »Wenn ich mich mal eben vordrängeln dürfte?«, wandte er sich an seinen Bruder, der nur stumm nickte. »Um es kurz zu machen«, sagte er und blickte seinen Eltern fest in die Augen. »Ihr könnt von mir aus nach Australien ziehen, aber ich werde nicht mitgehen.«

     Diese Ankündigung sorgte für absolute Stille im Raum. Seine Brüder musterten ihn nachdenklich, während Marita kreidebleich wurde und ihn mit offenem Mund anstarrte. Haakon ließ sich langsam gegen die Stuhllehne sinken und spielte schweigend mit seinem Kaffeelöffel.

     »Was?«, krächzte seine Mutter schließlich.

     »Ich bleibe hier auf der Insel«, verkündete Erik unerschütterlich. Es überraschte ihn selbst, dass er derartig die Ruhe bewahrte, aber sein Entschluss stand fest.

     »Das ist … das kann nicht … Wo willst du denn hin? Wovon willst du leben?«, fragte Marita bestürzt. »Du gehörst doch zur Familie, und wir wollen alle zusammenbleiben.«

     Erik musterte seine Mutter und schüttelte den Kopf. »Ich habe dir ja schon mal gesagt, dass du nicht zuhörst, Marita«, erwiderte er ruhig. »Genau wie ihr alle ist auch Erica jetzt ein Teil meiner Familie. Außerdem scheinst du zu vergessen, dass ich achtzehn bin und selbst über meinen Wohnort bestimmen kann.«

     »Du magst zwar volljährig sein, aber du bist noch lange nicht erwachsen«, widersprach Marita. Rote Flecken bildeten sich auf ihren Wangen und ihrem Hals. »Kannst du mir mal erklären, wie du dir das vorstellst? Willst du vielleicht die Schule an den Nagel hängen und arbeiten gehen, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen? Oder wie soll das funktionieren?«

     »Ehrlich gesagt, habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Du hast uns ja gerade mit der Nachricht überrumpelt. Aber wenn es sein muss, suche ich mir einen Job. Mir wird schon was einfallen«, erwiderte Erik stoisch. Sein Blick fiel auf seine Brüder, die mit großen Augen von ihm zu seiner Mutter und wieder zurück schauten. »Ich weiß nicht, wie ihr dazu steht, aber mein Platz ist hier.«

     »Aber du kannst doch nicht ganz allein hier auf der Insel bleiben, während deine Brüder und wir zigtausende Kilometer von dir entfernt sind!«, protestierte Marita unglücklich.

     »Das muss er auch nicht.« Henrik hatte offensichtlich seine Sprache wiedergefunden. »Erik braucht nicht allein hierzubleiben, weil … weil ich nämlich ebenfalls nicht mitgehen werde«, erklärte er. Das war logisch, dachte Erik. Sein Bruder wollte Lucinda nach diesem schrecklichen Hin und Her mit ihrer Kirchengruppe bestimmt nicht mehr allein lassen.

     »Was?«, stieß Marita empört hervor. »Ihr wollt also die Familie auseinanderreißen?« Wütend sprang sie auf.

     Doch Haakon legte ihr eine Hand auf den Arm. »Warte, Marita. Wir wissen noch gar nicht, was Fredrik und Cedrik dazu zu sagen haben.«

     »Australien klingt interessant …«, sinnierte Cedrik.

     Erik sah ihn gespannt an. Er würde ungern auf seinen Bruder verzichten, aber seine Entscheidung natürlich akzeptieren. Schließlich erwartete er das Gleiche von seinen Eltern.

     »… aber um ehrlich zu sein: Ich habe gar keine Lust, schon wieder umzuziehen«, beendete Cedrik seinen Satz. »Vielleicht sehe ich das in ein paar Jahren anders. Aber ich habe mich gerade erst eingelebt und möchte die nächste Zeit lieber hierbleiben.« Auch das war nachzuvollziehen, überlegte Erik, denn Cedrik hatte sich mit dem Eingewöhnen sehr schwer getan.

     »Geht mir ähnlich«, pflichtete Fredrik Cedrik bei. »Ich will ebenfalls nicht nach Australien umsiedeln. Auch wenn Mimmi vielleicht begeistert wäre … Aber ich hänge nun mal an meiner Band.«

     »Das kann nicht euer Ernst sein«, flüsterte Marita.

     Erik sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

     »Ihr verlangt also wirklich von mir, dass ich mich zwischen eurem Vater und euch entscheide?«, fragte sie mit erstickter Stimme.

     Unbehaglich rutschte Erik auf seinem Stuhl hin und her. Von der Seite hatte er das noch gar nicht betrachtet.

     Auch seine Brüder zogen betroffene Mienen, und einen Moment lang herrschte Stille in der Küche, nur durchbrochen vom Ächzen des Kühlschranks und Maritas leisem Schniefen.

     Schließlich stand Haakon auf, nahm Marita in den Arm und meinte: »Niemand verlangt von dir, dass du dich entscheidest. Ich kann das Stellenangebot auch ablehnen.«

     »Nein, auf keinen Fall!«, widersprach Erik spontan. »Dieser Posten ist dir doch wichtig - sonst hättest du erst gar nicht darüber nachgedacht, ihn anzunehmen. Aber ich wüsste nicht, was dagegen spricht, dass ihr beide - du und Mum - nach Australien geht und wir vier hier die Stellung halten«, erklärte er und fügte dann hinzu: »Wer weiß, ob es euch da unten überhaupt gefällt …«

     »Da ist was dran«, räumte Haakon ein und drückte Marita einen Kuss auf den Scheitel. »Möglicherweise finden wir ja einen Kompromiss.«

     »Ist das Haus denn schon verkauft?«, fragte Henrik, der wie immer alles von der pragmatischen Seite sah.

Pippa McKenzie

Die Jungs vom Leuchtturm 3: Manxies