Nicht schon wieder! Langsam hab ich die Schnauze voll. Ich soll auch den nächsten Post verfassen - das hätte ich ihr versprochen, behauptet diese von Mal zu Mal nervigere Autorin.
Ich und versprochen? Das wüsst ich aber!
Daraufhin hat sie mich nur mit einem flehenden Blick und vorgeschobener Unterlippe angesehen.
Also gut, von mir aus, aber ich mach's kurz:
Parish Walk
Nachdem Hunderte von Motorrädern mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 330 km/h die Straßen der Isle of Man beherrscht haben, kommen an diesem Wochenende viele Gäste auf die Insel, die ein etwas gemächlicheres Tempo bevorzugen: die Teilnehmer des Parish Walk - eine 137 Kilometer lange Wanderung von Pfarrgemeinde zu Pfarrgemeinde. Und zwar innerhalb von vierundzwanzig Stunden, also von Samstag bis Sonntag.
Superschnelle Wanderer treffen schon kurz vor Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden wieder in Douglas (= Start- und Zielpunkt) ein, aber die meisten werfen irgendwann im Laufe des Samstags das Handtuch. Oder schon nach ein oder zwei Etappen - was aber vollkommen okay ist. Denn es geht nicht ums Gewinnen (heißt es), sondern um den Spaß!
Wo da der Spaß sein soll, erschließt sich mir nicht, zumal viele Teilnehmer mit Blasen an diversen Körperstellen und ziemlichem Muskelkater wieder nach Hause fahren.
Aber was versteh ich schon davon …
Allerdings kenne ich jemanden, der total selig durch Regen und Wind und nassen Sand nach Hause gestapft ist: mein Bruder Henrik, nachdem er und Lucinda ein besonderes Erlebnis in einem Transporter hatten.
Hier kommt ein kleiner Ausschnitt:
»So ein Ärger. Wenn Jerry mich erwischt – mit euch beiden unangeschnallt auf dem Beifahrersitz – bin ich meinen Führerschein los«, murmelte Mary. »Ich habe schon mehrere Verwarnungen wegen zu schnellen Fahrens. Was ich überhaupt nicht verstehe. Ich fahre doch ganz zivil. Aber Jerry begreift einfach nicht, wie schwer es ist, als Kauffrau alle Kunden zufriedenzustellen. Jeder will immer alles gleich und sofort.« Sie biss sich auf die Lippe und fuhr dann langsam weiter. Plötzlich riss sie das Steuer herum und lenkte den Wagen in einen schmalen Feldweg.
Henrik sah nur noch ein Schild mit der Aufschrift »Ballacormack Farm«, dann holperten sie auch schon mit steigender Geschwindigkeit zwischen hohen Hecken hindurch in Richtung Küste. Keine dreißig Sekunden später hielten sie vor einer modernen Farm an.
»Es tut mir leid, aber du musst hier aussteigen«, wandte Mary sich an Henrik und warf einen besorgten Blick in den Seitenspiegel. Das Blaulicht hatte sich in Bewegung gesetzt und bog ebenfalls in die Farmauffahrt. »Wenn du dem Pfad dort drüben folgst, kommst du zum Strand. Und von da aus sind es nur wenige Kilometer bis zum Leuchtturm. Schnell, schnell!«
Hastig stieß Lucinda die Beifahrertür auf und sprang aus dem Wagen. »Komm, ich zeig dir den Weg.« Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich, aus dem Lichtkegel der Hofbeleuchtung hinaus in den Schutz eines Nebengebäudes.
Hinter ihnen schwang die Haustür auf. Jemand trat heraus und ging mit schweren Schritten über den knirschenden Kies. Offenbar blieb derjenige bei Mary stehen, die jetzt die quietschende Fahrertür öffnete. Henrik hörte nur ihre Stimmen.
»Hallo, Mary, was machst du denn so spät noch hier?«
»Hallo, Gordon. Ich wollte mich nur nach den Lammkeulen erkundigen, die du mir versprochen hast.«
»Aber ich habe dir doch eine E-Mail geschickt: Ich bring dir die bestellte Menge gleich morgen früh vorbei.«
»Ach ja, richtig. Das hatte ich ganz vergessen. Oh, hallo, Jerry, was führt dich denn her? Bist du auf Verbrecherjagd? Oder lauerst du wieder mal unschuldigen Bürgern auf?«
Lucinda zog Henrik tiefer in die Dunkelheit. »Tut mir leid, dass du den ganzen Weg zu Fuß laufen musst«, flüsterte sie. »Hier, nimm meine Taschenlampe.« Sie kramte in ihrer Jackentasche und brachte eine Mini-Maglite zum Vorschein.
»Danke«, sagte Henrik leise.
»Ich muss jetzt zu Mary, sonst redet sie sich noch um Kopf und Kragen. Bis bald«, flüsterte Lucinda, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn schnell auf den Mund.
Henrik wollte sie noch einen Augenblick festhalten und an sich drücken, doch sie entzog sich ihm und lief eilig zum Hof zurück.
Seufzend schlug er seinen Kragen hoch und setzte sich in Bewegung. Der flackernde Schein der Taschenlampe beleuchtete den Hohlweg, der zum Strand hinunterführte, und warf bizarre Muster auf die gestampfte Erde. Er war froh, dass Lucinda ihm die Lampe geliehen hatte. Der Regen hatte zwar eine Pause eingelegt, aber der Mond blieb beharrlich hinter der dichten Wolkendecke, und auf dem unebenen Boden hätte er sich sonst die Knochen gebrochen.
Als er schließlich die letzte Kuppe vor dem Strand erreichte, schweifte der Schein des Leuchtturms in regelmäßigen Abständen über das Gras der Böschung – ein-, zwei-, drei-, viermal – und leuchtete ihm den Weg nach Hause.
Unter normalen Umständen hätte er keine Lust auf einen nächtlichen Gewaltmarsch über den nassen Strand gehabt. Aber er war Lucinda deutlich näher gekommen, als er noch am Nachmittag je zu hoffen gewagt hätte. Die Erinnerung daran würde ihn definitiv warmhalten. Und er konnte die Zeit nutzen, um einen Plan für ihre nächste Begegnung zu entwickeln, die hoffentlich das fortführen würde, wobei sie so abrupt unterbrochen worden waren.
So, das war mein letzter Beitrag. Nächste Woche sollen sich die anderen mal was aus dem Daumen saugen!
Und zum Schluss: Mittlerweile kennt ihr das ja schon - wer unbedingt weiterlesen will, hier entlang:
Pippa McKenzie
Die Jungs vom Leuchtturm 1: Mann - Insel für Einsteiger




