Neuigkeiten vom Leuchtturm und darüber hinaus

Erik, Protagonist, zum Schreiben gezwungen!

Diese nervige Autorin! Ist heute Morgen einfach hier am Leuchtturmhaus aufgetaucht und hat mich angefleht, ich soll ein paar Zeilen für ihren neuen Blog schreiben. Als ob ich bei den ganzen Vorbereitungen nicht schon genug zu tun hätte! Warum ich?, hab ich deshalb auch gleich gefragt. Was ist mit Cedrik? Der kann das doch besser als ich.

Natürlich, gar keine Frage, Cedrik ist viel besser dafür geeignet als du, hat Pippa sofort bestätigt (na ja, so deutlich hätte sie es auch nicht sagen müssen, schönen Dank auch - *grummel*). Aber er und die anderen kämen später dran.

Soll ich mich jetzt geehrt fühlen?, hab ich geschnaubt.

Ja, meinte sie, es würde ihr viel bedeuten, mit der wichtigsten Person anzufangen.

Tja, da konnte ich dann einfach nicht Nein sagen. Komplimente sind noch mal mein Untergang. Und kochen - aber das steht auf einem anderen Blatt (buchstäblich …). Also hab ich geseufzt und sie gefragt, worüber ich denn schreiben soll.

Ach, keine Ahnung, hat Pippa geantwortet. Dir wird schon was einfallen.

Darauf hab ich sie erst mal sprachlos angestarrt. Ich weiß aber nichts, hab ich noch zu protestieren versucht.

Doch sie hat nur mit der Zunge geschnalzt und den Kopf geschüttelt: Dann schau doch mal in die Nachrichten. Such dir was heraus, was in den letzten Tagen Interessantes hier auf der Isle of Man passiert ist und berichte darüber.

Wie jetzt? Ich soll übers Wetter schreiben?, hab ich freudlos gelacht. Denn das ist so ziemlich das Aufregendste, was hier auf dieser verschnarchten Insel passiert.

Okay, die TT, also die Tourist Trophy läuft gerade. Aber über diese irre gefährlichen Motorradrennen, die hier auf ganz normalen Straßen stattfinden, können andere viel besser berichten als ich. Das überlasse ich lieber den Profis von Manx Radio und Greenlight TV und wie sie alle heißen.

Nein, nein, vielleicht nicht übers Wetter, hat Pippa hastig eingeschränkt, es sei denn, es ist wirklich extrem. Also ein schwerer Sturm oder dergleichen.

Na, da bin ich ja froh - *schnaub*. Und worüber dann?

Also, da war doch neulich dieser Artikel über diesen langjährigen Motorradfan aus Deutschland, darüber kannst du doch berichten …

Na gut, das bekomm ich vielleicht noch hin:

Grusel-Klaus ist wieder da!

Also genauer gesagt: Klaus und seine Kumpel vom Gruseleck.

Also noch genauer gesagt: Seit ein paar Jahren nur noch Klaus.

Die Gruppe von Freunden, die sich vor über 40 Jahren zum ersten Mal auf den Weg zur Isle of Man gemacht hat, ist altersbedingt ausgedünnt, sodass Klaus inzwischen als Einziger die verschiedenen Flaggen - von der Insel, der Stadt Duisburg und von Deutschland - auf der Wiese in der Nähe von Dhoon Glen hisst. Normalerweise ist Wildzelten hier ja nicht erlaubt, aber er hat eine Ausnahmegenehmigung und inzwischen sogar eine offizielle Plakette von der Kommunalverwaltung Garff erhalten, die ihre langjährige Freundschaft würdigt. Die Bezeichnung für das Eckgrundstück stammt übrigens daher, dass die Freunde eines späten Abends um ihr Lagerfeuer herumsaßen und aus der Dunkelheit des Glens irgendwelche unheimlichen Geräusche zu ihnen drangen, die allen einen Schauer über den Rücken gejagt haben - und schon war der Name geprägt: Gruseleck!

Gruseleck
Gruseleck Plakette

Mann, ich komm mir vor wie in der Schule: Verfass ein Essay über die Isle of Man, blablabla!

Als ob das irgendeinen interessieren würde.

Aber mir reicht's jetzt. Soll sie ihren blöden Blog doch allein schreiben. Äh, Moment mal … Sie hat doch schon was über die Insel geschrieben und … und sogar schon veröffentlicht. Einen Roman, der von uns Vierlingen und den anderen handelt. Wo hab ich das Ding noch mal gesehen? Ah, hier ist es ja: im Holzkorb neben dem Kaminofen. Schon ziemlich zerfleddert, aber das macht ja nichts.

Also: Es waren einmal vier nicht-eineiige Vierlinge.

Nein, das klingt wie ein Märchen.

Pfeif drauf, ich kopier da jetzt einfach ein paar Abschnitte draus. Dann kann sie sich hinterher auch nicht beschweren, dass ich was geschrieben hab, was ihr nicht gefällt - *grins*.

»Jungs, alle mal herhören!«
              Widerstrebend blickte Erik von seinem Handy auf, wo er gerade den Sportbericht las, als sein Vater mit einem Löffel an den Rand seines Saftglases klopfte. Auch Henrik und Fredrik unterbrachen ihre hitzige Diskussion über die neuesten Fußballtransfergerüchte. Lediglich Cedrik starrte weiterhin in das Buch, in dem er schon seit Tagen las. Sein »Reiseführer ins Zeitalter der englischen Königin Elisabeth I.« musste echt spannend sein, auch wenn Erik damit überhaupt nichts anfangen konnte. Er hatte keine Ahnung, wie man so was freiwillig lesen konnte; da waren ihm seine Handballzeitschriften wesentlich lieber. Unauffällig stieß er seinen Bruder mit dem Ellbogen an.
              Sein Vater öffnete gerade den Mund, um wohl zu einem seiner üblichen Vorträge anzusetzen, als eine der Möwen, die den Leuchtturm hinter dem Haus ständig umkreisten, mit einem dumpfen Geräusch auf dem verglasten Anbau der Wohnküche landete. Der Seevogel kreischte auf, wagte ein paar unsichere, schlitternde Schritte auf den glatten Glaspaneelen des Wintergartens und beäugte die halb verbrannten Toastscheiben im Brotkorb. Haakon schaute kurz zu dem ungebetenen Gast hoch, räusperte sich und verkündete schließlich: »Hiermit eröffne ich die erste Sitzung des Familienrats - die erste in einer hoffentlich langen Reihe von Sitzungen …«
              Erik, Henrik, Fredrik und Cedrik warfen sich betroffene Blicke zu.
              Na, Mahlzeit. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Erik seufzte.
              »Wie ihr alle wisst, werde ich auch im Rahmen meiner neuen Stelle als Schiffsinspektor viel unterwegs sein und daher kaum Gelegenheit haben, unsere neue Heimat richtig kennenzulernen …«
              »Deshalb haben wir beschlossen, dass ihr das für mich übernehmen werdet«, fuhr Haakon fort und betrachtete seine Söhne, die groß und schlaksig auf den schlichten Holzstühlen lümmelten.
              »Was meinst du mit:
Wir sollen das übernehmen?«, fragte Henrik pragmatisch. Erik war froh, dass sein Bruder als der Älteste von ihnen wie immer die Rolle des Sprechers übernahm. Denn im Gegensatz zu Henrik fiel es ihm schwer, offen seine Meinung zu äußern. Trotz des gemeinsamen Geburtstags und der äußerlichen Ähnlichkeit besaßen er und seine Brüder sehr unterschiedliche Charaktere. Und diese Unterschiede, die ihm zu Hause in Norwegen kaum aufgefallen waren, zeichneten sich in den wenigen Wochen seit ihrem Umzug immer deutlicher ab.
           »Ich habe mir das folgendermaßen vorgestellt«, erklärte Haakon und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Der Duft vermischte sich mit der salzigen Brise, die durch die weit geöffneten Terrassentüren hereinwehte. »Ihr vier fahrt zu den Sehenswürdigkeiten, schaut euch in Ruhe alles an und berichtet mir dann, was ihr erlebt habt. Auf diese Weise bekomme ich wenigstens etwas von den Schönheiten der Insel mit.«
           »Schönheiten? Sehenswürdigkeiten? Müssen wir uns das wirklich alles reinziehen?«, stöhnte Fredrik, griff sich seine Gitarre und zupfte unmutig an den Saiten.
           »Das haben wir euch doch schon hundert Mal erklärt«, erwiderte Haakon mit einem leicht ungeduldigen Unterton in der Stimme und stellte die Kaffeetasse klirrend auf den Unterteller.
           »Erklärt schon, nur verstanden haben wir es nicht«, warf jetzt auch Henrik missmutig ein.
           »Erstens haben wir Anfang des Jahres alle gemeinsam beschlossen, hierher zu ziehen - auch wenn ihr euch jetzt nicht mehr daran erinnern wollt«, antwortete Haakon scharf. »Und zweitens sind eure Mutter und ich der Ansicht, dass ihr mal eine andere Region Europas kennenlernen solltet. Und zwar nicht nur auf Reisen.« Er sah Marita kurz an und fuhr dann fort: »Als wir in eurem Alter waren, da haben wir beide wichtige Erfahrungen beim Schüleraustausch gesammelt. Und als unsere Vorfahren in eurem Alter waren, da …«
           »Unsere Vorfahren?«, unterbrach Henrik ihn. »Wen meinst du damit?«
           »Ich meine unsere frühen Vorfahren. Unsere ganz frühen Vorfahren: Die Wikinger sind schon in jungen Jahren in winzigen Nussschalen über die sieben Meere gesegelt. Damals waren Achtzehnjährige gestandene Seeleute mit jahrelanger Erfahrung im Kreuz. Sie haben die Welt bereist, neue Länder erobert, ganze Kontinente entdeckt!«, dozierte ihr Vater jetzt und musterte die Brüder der Reihe nach.
           »Du willst also, dass wir plündernd und brandschatzend durchs nächste Dorf ziehen?«, fragte Henrik gefährlich ruhig.
           Erik musste erneut grinsen, und auch Fredrik und Cedrik feixten.
           Müde ließ Haakon den Kopf in die Hände sinken. »Nein, natürlich nicht«, seufzte er und schaute dann wieder auf. »Ich will damit nur sagen, der Aufenthalt in der Fremde wird euch guttun … es wird euren Horizont erweitern.«

So, Auftrag erledigt. Und falls euch das jetzt gefallen hat, findet ihr den Rest hier:

Pippa McKenzie

Die Jungs vom Leuchtturm 1: Mann - Insel für Einsteiger

Erik Ingerson

Handball-/Rugbyspieler. Backt leidenschaftlich gern Waffeln, braucht aber laut eigener Aussage Hilfe beim Kochen, damit er seine Familie nicht versehentlich vergiftet. Rauer Riese mit weichem Herz.

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